Um das zu verstehen, muss man wissen, was eine Radschraube tut. Sie hält das Rad nicht wie ein Stift. Sie erzeugt Anpressdruck: Die Felge wird gegen die Nabe gepresst, und die beiden Flächen verzahnen sich durch ihre Oberflächenrauigkeit ineinander. Übertragen werden Brems-, Antriebs- und Seitenkräfte über diese Verzahnung – nicht über die Schraube. Für Querkräfte ist der Schraubenschaft nicht ausgelegt.
Der Sachverständige Dr. Ingo Holtkötter hat einen Fall dokumentiert, bei dem nach mehreren tausend Kilometern sämtliche Radbolzen eines Rades brachen und sich das Rad während der Fahrt löste. Die Laboruntersuchung schloss der Reihe nach aus: Materialfehler – die Bolzen erfüllten die Festigkeitsklasse 10.9. Zu hohes Anzugsmoment – die Schrauben waren im Gewindebereich nicht gelängt. Übrig blieb der Befund von Schwingbrüchen, also einer dauernden dynamischen Überbeanspruchung. Und die deutlich erkennbaren Korrosionsreste an der Radnabe ließen auf eine ungenügende Reinigung der Auflageflächen bei der Montage schließen.
Der Mechanismus dahinter ist der entscheidende Punkt: Bleibt eine Korrosionsschicht zwischen Nabe und Felge, presst die Schraube die Felge zwar mit dem vorgeschriebenen Moment an – aber die poröse Rostschicht kann die Querkräfte nicht aufnehmen. Sie wird nach und nach zerrieben, Nabe und Felge verdrehen sich gegeneinander, und irgendwann müssen die Bolzen die gesamten Querkräfte tragen. Dafür sind sie nicht gemacht. Sie brechen.
Das heißt: Die Klemmkraft kann verloren gehen, obwohl mit dem exakt richtigen Drehmoment angezogen wurde. Der Drehmomentschlüssel misst, mit welcher Kraft wir drehen – nicht, ob die Verbindung dauerhaft hält.
Genau hier liegt der Wert des Nachziehens. Es ist die einzige Gelegenheit, einen Klemmkraftverlust zu bemerken, bevor er zum Bolzenbruch führt. Diesen Schluss zieht Holtkötter nicht selbst – er argumentiert für gründliche Reinigung der Kontaktflächen, und das tun wir bei jedem Rad. Aber wer eine Verbindung baut, deren Vorspannung sich unbemerkt verabschieden kann, sollte sie nach der ersten Belastung einmal kontrollieren. Das ist unsere Schlussfolgerung, nicht seine.