Zum Inhalt springen

Artikel

Fakten
Radschrauben nachziehen: Warum die 50-Kilometer-Regel keine Formsache ist

Nach jedem Radwechsel steht der gleiche Hinweis auf dem Auftrag – und wird oft ignoriert. Warum sich Radschrauben setzen, was dann physikalisch passiert und warum „fester" nicht sicherer ist.

Jero (Inhaber)

Rad mit Drehmomentschlüssel an den Radschrauben – Symbolbild Nachziehen nach dem Radwechsel
Eine Radschraube hält das Rad nicht fest, weil sie durch die Felge geht. Sie hält es, weil sie die Felge gegen die Nabe presst.

01Einleitung

Nach jedem Radwechsel bekommen Sie bei uns den gleichen Hinweis: nach 50 bis 100 Kilometern zum Nachziehen vorbeikommen. Für viele klingt das nach einer Absicherungsfloskel der Werkstatt – schließlich wurde doch mit dem Drehmomentschlüssel angezogen, und das Rad sitzt.

Genau da liegt das Missverständnis. Das Nachziehen korrigiert keinen Fehler bei der Montage. Es gleicht etwas aus, das auch bei völlig korrekter Arbeit unvermeidlich passiert.

02Was eine Radschraube eigentlich macht

Die verbreitete Vorstellung: Die Schraube geht durch die Felge und hält das Rad wie ein Stift. Tatsächlich funktioniert die Verbindung ganz anders.

Beim Anziehen wird der Schaft der Schraube minimal gedehnt – sie wirkt wie eine sehr steife Feder. Diese Dehnung erzeugt die Vorspannkraft, die die Felge fest gegen die Radnabe presst. Und jetzt kommt der Punkt, den fast niemand auf dem Schirm hat: Übertragen werden Antriebs-, Brems- und Seitenkräfte nicht von der Schraube, sondern von der Verzahnung zwischen Felge und Nabe. Die beiden Flächen verhaken sich unter dem Anpressdruck durch ihre Oberflächenrauigkeit ineinander. Für Querkräfte ist der Schraubenschaft gar nicht ausgelegt.

Das Drehmoment am Schlüssel ist dabei nur ein indirektes Maß: Wir messen die Kraft, mit der wir drehen, und schließen daraus auf die Vorspannung, die wir eigentlich wollen.

Entscheidend ist die Folge: Fällt die Vorspannkraft ab, verliert die Verzahnung ihre Wirkung. Dann müssen die Schrauben die Kräfte übernehmen, für die sie nicht konstruiert sind.

03Warum sich die Verbindung setzt

Zwischen Felge und Nabe liegen keine idealen Flächen aufeinander. Auch saubere, plane Oberflächen berühren sich mikroskopisch nur an ihren Spitzen. Unter Last werden diese Spitzen eingeebnet – die Bauteile rücken um Bruchteile eines Millimeters näher zusammen. Weil die Schraube eine sehr steife Feder ist, genügt schon dieser winzige Weg, um einen spürbaren Teil der Vorspannkraft abzubauen.

Continental beschreibt genau das: Während der ersten 50 bis 100 Kilometer könnten „normale Vibrationen, Belastungskräfte und thermische Zyklen zu einem leichten Setzen der Rad-Radnaben-Verbindung führen, wodurch sich die anfängliche Klemmkraft verringern kann".

Dazu kommen im Fahrbetrieb:

  • Wärme aus der Bremsanlage, die Nabe, Felge und Schraube unterschiedlich stark ausdehnen lässt.
  • Die ständig wechselnde Belastung durch Fahrbahnunebenheiten, Kurven, Bremsen und Beschleunigen.
  • Bei Neuteilen zusätzlich frische, noch nicht eingelaufene Kontaktflächen.

Diese Vorgänge sind am Anfang am stärksten und klingen dann ab. Deshalb die ersten 50 bis 100 Kilometer – nicht, weil danach nichts mehr passiert, sondern weil dann der größte Teil des Setzens hinter Ihnen liegt.

Der Verband der europäischen Räderhersteller formuliert es ohne Spielraum: „An einem neuen Fahrzeug und bei jedem Rad/Reifenwechsel ist es unerläßlich, das Anzugsdrehmoment, nach ca. 50 bis 100 km im Einsatz, zu überprüfen und, wenn notwendig, die Radmuttern erneut auf den richtigen Wert anzuziehen."

04Der unsichtbare Feind: Rost auf den Kontaktflächen

Es gibt einen zweiten Weg, auf dem die Klemmkraft verschwindet – und der ist tückischer als das Setzen.

Bleibt beim Radwechsel eine Korrosionsschicht zwischen Nabe und Felge stehen, presst die Schraube die Felge zwar mit dem exakt vorgeschriebenen Moment an. Aber die poröse Rostschicht kann die Querkräfte nicht übertragen. Sie wird nach und nach zerrieben, Nabe und Felge beginnen sich gegeneinander zu verdrehen, und irgendwann tragen die Bolzen die gesamte Last allein. Dafür sind sie nicht gemacht – sie brechen.

Der Sachverständige Dr. Ingo Holtkötter hat genau diesen Fall dokumentiert: Nach mehreren tausend Kilometern brachen sämtliche Radbolzen eines Rades. Die Laboruntersuchung schloss Materialfehler aus, schloss ein zu hohes Anzugsmoment aus – und die Korrosionsreste an der Radnabe ließen auf eine ungenügende Reinigung bei der Montage schließen.

Das ist der Grund, warum bei uns vor jeder Radmontage die Kontaktflächen an Nabe und Felge gereinigt werden. Und es ist der Grund, warum „mit dem richtigen Drehmoment angezogen" allein keine Sicherheit ist: Der Drehmomentschlüssel misst, wie fest wir drehen – nicht, ob die Verbindung dauerhaft hält.

05Warum wir nichts fetten – und schon gar keine Kupferpaste

Bleibt die Frage, was nach dem Reinigen auf die blanken Flächen kommt. Die Antwort ist erstaunlich sparsam:

  • Was einen Film bekommt – die NabenzentrierungSie bekommt bei uns einen hauchdünnen Film einer metallfreien, temperatur- und schleuderfesten Montagepaste auf Keramikbasis. Der Zweck ist bescheiden, aber wichtig: Die Felge soll auf der Nabe nicht festrosten, damit sich das Rad beim nächsten Mal wieder gewaltfrei abnehmen lässt.
  • Was wir nie nehmen – KupferpasteDie gute alte Kupferpaste, jahrzehntelang der Standard in jeder Werkstatt, ist an modernen Fahrzeugen tabu. Kupfer bildet zusammen mit einer Aluminiumfelge und etwas Feuchtigkeit ein galvanisches Element – ein winziges Batteriechen, das genau die Passung zerfrisst, die es schützen sollte. Diese Bimetallkorrosion richtet mehr Schaden an als der Rost, gegen den die Paste gedacht war.
  • Was trocken bleibt – Gewinde, Konus und AuflageflächeKein Fett, kein Öl, keine Paste. Weder im Gewinde der Radschrauben noch am Konus oder Kugelbund, mit dem die Schraube in der Felge aufliegt – und erst recht nicht auf der Auflagefläche der Radnabe, auf der die Felge plan aufsitzt. Genau diese Fläche muss die Kräfte übertragen; ein Schmierfilm ist dort das Letzte, was man haben will.

Der Grund für das trockene Gewinde wird oft missverstanden: Das Anzugsdrehmoment, das der Hersteller vorschreibt, gilt für ein trockenes Gewinde. Ein Drehmomentschlüssel misst nämlich nicht die Klemmkraft, die das Rad hält, sondern nur den Widerstand beim Anziehen. Wer schmiert, senkt diesen Widerstand drastisch – die Schraube wird dann bei nominell korrektem Drehmoment weit über ihre Streckgrenze hinaus gedehnt. Das Ergebnis ist eine dauerhaft geschädigte Schraube, die im Extremfall bricht. Gut gemeint, gefährlich falsch.

06Was passiert, wenn nicht nachgezogen wird

Der Ablauf ist selbstverstärkend:

  • Die Vorspannkraft sinkt unter den Wert, bei dem die Verzahnung trägt.
  • Das Rad beginnt unter Last minimal zu arbeiten – es bewegt sich gegen die Nabe.
  • Diese Bewegung arbeitet die Schraubenlöcher der Felge und die Auflageflächen aus.
  • Mit dem entstehenden Spiel lockern sich die Schrauben schneller – und der Prozess beschleunigt sich.
  • Am Ende steht im günstigen Fall eine ausgeschlagene Felge, im ungünstigen der Radverlust bei voller Fahrt.

07Nachziehbar ist nicht dasselbe wie lose

Beim Nachziehen spüren viele Kunden, dass sich die Schraube noch ein kleines Stück bewegt – und erschrecken. War da geschlampt?

Nein. Unterscheiden Sie zwei Dinge:

  • Ein spürbares, kleines Nachziehen ist normal. Das ist exakt das Setzverhalten, das oben beschrieben ist. Genau dafür kommen Sie ja vorbei. Wäre nach 50 Kilometern nirgends etwas nachzuziehen, bräuchte es den Termin nicht.
  • Richtig lose Schrauben kurz nach dem Radwechsel sind etwas völlig anderes. Das wäre ein Fehler der Werkstatt, und dazu hätten wir zu stehen.

Der Unterschied ist für den Fachmann eindeutig. Und er ist der Grund, warum das Nachziehen keine Misstrauenserklärung gegen die eigene Arbeit ist, sondern deren Abschluss.

08Fester ist nicht sicherer

Ein häufiger Reflex lautet: Dann ziehe ich sie eben von vornherein richtig fest an, dann kann nichts passieren. Das Gegenteil ist der Fall.

Das vorgeschriebene Drehmoment ist kein Vorsichtswert, sondern ein Konstruktionswert. Es dehnt die Schraube exakt so weit, dass sie im elastischen Bereich bleibt – also nach dem Lösen wieder in ihre Ausgangslänge zurückgeht. Wird dieser Bereich überschritten, dehnt sich die Schraube bleibend, es entstehen Mikrorisse im Gefüge, und sie kann später ohne Vorwarnung brechen. Ebenso können Gewinde in der Nabe überdehnt oder Auflageflächen der Felge beschädigt werden – Schäden, die deutlich teurer sind als der Termin zum Nachziehen.

Holtkötter bringt es auf den Punkt: Die Einstellung „viel hilft viel, wenn ich das nur fest genug mache, dann wird das schon halten" ist beim Radwechsel „völlig fehl am Platze".

Besonders kritisch ist der Schlagschrauber ohne Drehmomentkontrolle. Was er tatsächlich aufbringt, weiß niemand – nur, dass es selten der richtige Wert ist.

09Woran Sie merken, dass etwas nicht stimmt

Ein Gerichtsgutachter hat bestätigt, dass lose Radschrauben spürbare Veränderungen erzeugen – und ein Gericht hat einem Fahrer deshalb eine Mitschuld gegeben, weil er sie ignorierte. Achten Sie auf:

  • Ein Klackern oder Klopfen, das mit der Geschwindigkeit zunimmt.
  • Ein unruhiges, vibrierendes Lenkrad.
  • Ein Fahrgefühl, das sich seit dem Radwechsel verändert hat.

Wenn Ihnen so etwas auffällt: sofort rechts ranfahren und uns anrufen. Nicht „bis nach Hause noch schaffen".

10Was bedeutet das für Jero's Werkstatt?

  • Jedes Rad wird mit dem Drehmomentschlüssel angezogen – nach Herstellervorgabe für Ihr Fahrzeug, nicht nach Gefühl.
  • Wir reinigen Radnabe und Felgenflansch – die beiden KontaktflächenDas passiert bei uns vor jeder Radmontage. Es ist die Arbeit, die man später nicht sieht.
  • Der Nachzieh-Hinweis steht auf Ihrem Auftrag und ist keine Formsache, sondern der zweite, notwendige Teil der Montage.
← Zurück zu den Artikeln