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Hintergrund
Ein Reifen kaputt: Warum die Werkstatt zwei verkaufen will

Sie kommen mit einem Nagel im Reifen und sollen zwei kaufen. Der Verdacht liegt nahe. Was tatsächlich dahintersteckt – und wann ein einzelner Reifen wirklich reicht.

Jero (Inhaber)

Drahtgitter-Darstellung zweier Pkw-Räder derselben Achse nebeneinander – links mit tiefem, rechts mit abgefahrenem Profil desselben Musters
Vorschrift ist es nicht. Willkür aber auch nicht.

01Einleitung

Ein Nagel, ein nicht reparabler Schaden, ein Reifen ist hin. In der Werkstatt heißt es dann oft: Wir sollten zwei tauschen. Und beim Kunden entsteht ein Verdacht, den wir gut verstehen – schließlich ist nur einer kaputt.

Die Antwort ist unbequemer, als beide Seiten es gern hätten. Ein Zwang besteht nicht. Ein Grund meistens schon.

02Zwei Reifen zu tauschen ist nirgends vorgeschrieben

Es gibt keine Vorschrift, die einen achsweisen oder satzweisen Reifentausch verlangt. Ein einzelner neuer Reifen ist gesetzlich erlaubt.

Das gilt auch für die beiden Einwände, die man dazu am häufigsten hört. Weder muss die Profiltiefe an allen Rädern gleich sein, noch müssen Marke und Profil übereinstimmen – gesetzlich dürfen Sie auf jedem Rad einen anderen Reifen fahren. Ein neuer Reifen neben eingefahrenen ist kein Mangel.

03Warum trotzdem meistens zwei

Der Grund ist keine Vorschrift, sondern eine Entscheidung. Auf einer Achse sollen beide Reifen gleich reagieren – gleiche Marke, gleiches Profil. Sonst bremst und greift das Auto links anders als rechts, und das merken Sie ausgerechnet dann, wenn es darauf ankommt.

04Daran scheitert der Einzelersatz in der Praxis oft

  • Der Reifen, der noch drauf ist, wird nicht mehr gebaut.
  • Es gibt ihn, aber in dieser Größe ist er gerade nicht lieferbar.
  • Ihr Fahrzeug hat vorne und hinten verschiedene Reifen, und ausgerechnet dieses Modell ist ausgelaufen.

Findet sich kein identischer Reifen mehr, schlagen wir Ihnen vor, das Paar zu tauschen – nicht weil der zweite Reifen verschlissen wäre, sondern weil er sonst allein steht. Verboten ist die andere Variante nicht, wir halten sie nur nicht für richtig.

05Bei Allrad sagen wir zuerst: es werden zwei

Hat Ihr Fahrzeug Allradantrieb, lautet unsere erste Aussage pauschal, dass beide Reifen einer Achse fällig sind. Damit liegen wir nie falsch. Warum wir es so handhaben, erklären die nächsten Absätze.

Wie viel Unterschied Ihr Allradsystem verträgt, gibt der Fahrzeughersteller vor. Es steht in den Unterlagen zu Ihrem Fahrzeug – nicht in einer allgemeinen Regel. Im Umlauf sind viele Zahlen; belastbar sind sie nur, wenn sie zu Ihrem Auto gehören.

Ab hier steigt der Aufwand, und wir bewegen uns rechtlich auf anderem Boden.

06Allrad – Recherche

Fangen wir bei den Unterlagen an, denn auch dort hat sich einiges verändert. Haben Sie überhaupt noch eine Betriebsanleitung in Papierform? Oder liegt sie im Bordcomputer? Oder nur noch in einer App auf Ihrem Handy?

  • Papierformgeht noch, das ist der einfache Fall.
  • Bordcomputerdeutlich aufwendiger, weil jedes System anders aufgebaut ist und man sich erst durchfinden muss.
  • App auf Ihrem HandyIhre App. Da kommen wir schlicht nicht heran.

Diese Suche dürfen wir nicht Ihnen überlassen. Wir schulden Ihnen eine Arbeit, die passt – und diese Verantwortung können wir nicht per Hinweis an Sie weiterreichen. Wir müssen selbst sicherstellen, dass die Vorgaben eingehalten sind.

07Allrad – Dokumentation

Wir müssen festhalten, wie viel Profil der verbliebene Reifen noch hat, wie viel der neue mitbringt und dass wir uns damit innerhalb der Vorgaben Ihres Fahrzeugherstellers bewegen.

Und genau da liegt die Krux: Haben wir den Ersatzreifen vorrätig, können wir nachmessen. Haben wir ihn nicht, kennen wir seine Profiltiefe nicht. Die verbreitete Annahme, ein neuer Reifen habe immer 8 Millimeter, stimmt schon lange nicht mehr – und in den Bestellportalen steht diese Angabe nicht.

Und das ist nur der Teil, der unmittelbar mit den Reifen zu tun hat. Zu einer belastbaren Dokumentation gehört deutlich mehr als das, was hier aufgeführt ist.

Bleibt die Frage, wohin mit diesem Aufwand. In den Reifenpreis hinein oder als gesonderte Servicepauschale? Eine Antwort, die allen gefällt, gibt es dafür nicht.

08Allrad – Rechtliches

Und selbst wenn wir alles richtig gemacht haben: Geht ein paar tausend Kilometer später Ihr Differenzial kaputt, sitzen wir mit in einem Boot, für das wir kein Ticket gelöst haben. Ab dann führen wir unbezahlte Diskussionen – mit Ihnen, mit Gutachtern, mit Beteiligten, die die Schuld gern bei uns sehen würden.

09Allrad – Fazit

Mit zwei neuen Reifen entfällt das alles: die Recherche, die Dokumentation, die offene Frage nach dem Aufwand und das Restrisiko obendrein.

Unser Tipp in diesem Fall: Holen Sie sich zusätzlich ein Angebot beim Fahrzeughersteller ein. Möchte er nur einen Reifen wechseln oder beide?

  • Sagt er beideDann können Sie sein Angebot in Ruhe mit unserem vergleichen.
  • Sagt er nur einenDann lassen Sie es dort machen. Tritt später das beschriebene Problem auf, liegt die Entscheidung über das ungleiche Profil bei dem, der sie getroffen hat.

Das ist die beste und fairste Option für alle Beteiligten.

10Wann ein einzelner Reifen reicht

Damit lässt sich die Ausgangsfrage beantworten. Ein Reifen genügt in der Regel, wenn:

  • derselbe Reifen in Marke und Profil noch lieferbar ist,
  • der Partner auf derselben Achse nicht ohnehin nahe an der Verschleißgrenze ist,
  • und Ihr Fahrzeug keinen Allradantrieb hat oder dessen Vorgaben eingehalten sind.

Wichtig ist dabei immer: Bei ungleicher Profiltiefe auf einer Achse kann Ihr Fahrzeug anders reagieren, als Sie es gewohnt sind.

Sind diese Punkte erfüllt, gibt es keinen Grund, Ihnen einen zweiten Reifen zu verkaufen. Ist einer davon nicht erfüllt, gibt es einen – und den sollte man Ihnen nennen können.

Die ehrliche Antwort lautet: Manchmal reicht einer. Manchmal nicht. Und der Unterschied lässt sich erklären.
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